Der Afrika-Cup 2019: Keine Werbung für den afrikanischen Fußball

Mit Algerien fand der Afrika-Cup 2019 einen verdienten Sieger. Doch bis auf den Champion wird von der 32. afrikanischen Kontinentalmeisterschaft nicht allzu viel in Erinnerung bleiben. Das Turnier bot nur wenig Glanz.



Am Ende war es ein kurioses Slapstik-Tor, dank dem Algerien sich zum zweiten Mal nach 1990 die Krone Afrikas aufsetzte. Im Finale gegen den Senegal lief erst die dritte Spielminute, als Algeriens Angreifer Baghdad Bounedjah sich ein Herz fasste und aus knapp 20 Metern abzog. Senegals Abwehrmann Salif Sané, der beim FC Schalke in der Bundesliga unter Vertrag steht, warf sich in seinen Schuss und wehrte den Ball mit seinem Knie ab. Das Spielgerät flog im hohen Bogen über Torwart Alfred Gomis, schien zunächst über das Tor zu gehen, fiel dann aber wie ein Stein runter und landete schließlich doch im senegalesischen Gehäuse. Das 1:0 für die Wüstenfüchse und zugleich der einzige Treffer an diesem Abend in Kairo.
Dass ein solches Slapstiktor das Finale des Afrika-Cups 2019 entschied, passte zum gesamten Turnier, war eine Art Sinnbild. In vier Wochen hatte das Kontinentalturnier nämlich fußballerisch nicht allzu viel zu bieten. Ausschließlich die Algerier vermittelten den Eindruck, eine Mannschaft zu sein, die auf interkontinentaler Ebene mithalten kann. Die Wüstenfüchse zeigten in den meisten Spielen – wenn auch nicht im Finale – erfrischenden Kombinationsfußball und präsentieren sich auf dem grünen Rasen als echte Einheit. Es wurde zusammen verteidigt und zusammen angegriffen. Ein elementarer Aspekt im modernen Fußball, den die anderen 23 Teams kaum bis gar nicht erfüllten. Senegal erreichte zwar das Finale, doch von den „Löwen von Terrangha“ mit ihren beiden Superstars Sadio Mané und Kalidou Koulibaly hatte man fußballerisch viel mehr erwartet. Ebenso enttäuschten Gastgeber Ägypten um Afrikas Fußballer des Jahres Mohamed Salah und Marokko mit Hakim Ziyech sowie Dortmunds Achraf Hakimi. Beide Teams mussten bereits nach dem Achtelfinale die Koffer packen. Auch die beiden Halbfinalisten Tunesien und Nigeria ließen spielerisch viel zu wünschen übrig.
Das niedrige Niveau beim diesjährigen Afrika-Cup lässt auch das afrikanische Abschneiden bei der WM in Russland letztes Jahr neu bewerten. Obwohl alle fünf Vertreter vom Schwarzen Kontinent in der Gruppenphase ausschieden, war so manch ein Experte angesichts von starken Auftritten wie Marokkos Unentschieden gegen Spanien (2:2), Senegals Sieg gegen Polen (1:0) oder Nigerias 2:0-Triumph gegen Island für die Zukunft des afrikanischen Fußballs positiv gestimmt. Der Afrika-Cup in Ägypten dürfte jene Experten eines Besseren belehrt und aufgezeigt haben, dass der afrikanische Fußball kaum Fortschritte gemacht hat noch immer einen sehr langen und steinigen Weg vor sich hat.
Was dem Afrika-Cup sicherlich nicht gut getan hat, war die Aufstockung von 16 auf 24 Teams. Schon nach der Entscheidung das Teilnehmerfeld für das Turnier 2019 zu erhöhen, hatten viele Fachleute wie Lutz Pfannenstiel gewarnt, dass das Niveau dadurch verwässert werden würde. Und sie behielten Recht. Vor allem die Vorrunde zog sich wie ein zäher Kaugummi. Teams wie Burundi, Tansania, Guinea-Bissau, Mauretanien und Kenia waren einfach nicht bereit und gut genug, ein solches Turnier zu spielen. Der Qualitätsunterschied zu den etablierten Teams war einfach zu groß. Alleine Debütant Madagaskar und der Benin brachten Frische in den Wettbewerb. Beide Teams erreichten überraschend das Viertelfinale.
Ebenso bestätigte der diesjährige Afrika-Cup, dass es noch immer ein riesiges Torwartproblem auf dem Schwarzen Kontinent gibt. Es wurde wieder viel und munter gepatzt. Tunesien setzte beispielsweise insgesamt drei Torhüter ein und alle drei leisteten sich einen Riesenbock, der zu einem Gegentreffer führte. Kameruns André Onana, der mit Ajax Amsterdam in der abgelaufenen Saison das Halbfinale der Champions League erreichte, ist der einzige Schlussmann in Afrika, der internationale Klasse verkörpert. Mit Abstrichen auch noch Algeriens Rais M’Bolhi.
Einer der wenigen positiven Aspekte des Afrika-Cups 2019 war die Geburt völlig neuer Helden. Beispielsweise Algeriens Nationalcoach Djamel Belmadi. In seiner aktiven Karriere spielte der jetzt 43-Jährige unter anderem in der englischen Premier League, Spanien und Frankreich, doch als Trainer war Belmadi ein völlig unbeschriebenes Blatt, hatte vor den Wüstenfüchsen lediglich in Katar trainiert. Nun führte er sein Land zum zweiten Titel der Geschichte. Durchaus möglich, dass in Ägypten eine große Trainerkarriere begonnen hat.
Ins Rampenlicht gespielt haben sich auch Finatorschütze Bounedjah, der in Katar unter Vertrag steht, und Youcef Belaili von Ésperance Tunis, ebenfalls ein Algerier. Vor dem Turnier waren sie außerhalb der arabischen Welt kaum bekannt, in Ägypten spielten sich Bounedjah, ein klassischer Sturmtank, und Belaili, ein flinker und technisch starker Linksaußen, ins internationale Rampenlicht und dürften nun einige Angebote aus europäischen Topligen vorliegen haben. Einen neuen Arbeitgeber dürfte bald höchstwahrscheinlich auch ihr Teamkollege Ismael Bennacer haben. Der erst 21-jährige zentrale Mittelfeldspieler vom Serie A-Absteiger FC Empoli spielte einen überragenden Afrika-Cup und wurde als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Große Klubs wie der AC Mailand sollen bereits die Fühler nach ihm ausgestreckt haben. Zufrieden mit der eigenen Leistung kann auch Nigerias Angreifer Odion Ighalo sein. Der 30-Jährige, der einst in der Premier League beim FC Watford seine Torjägerqualitäten eindrucksvoll unter Beweis stellte, dann aber dem Ruf des großes Geldes aus China folgte, wurde mit fünf Treffern Torschützenkönig und erinnerte die Fußballwelt damit wieder an sich selbst.



Please follow and like us: