Algerien vor dem Finale des Afrika-Cups: Ägypten, ein besonders schöner Ort zum Siegen



Algerien steht nach 29 Jahren wieder im Finale des Afrika-Cups und hat am Freitag in Kairo die große Chance, sich zum zweiten Mal in der Geschichte die Krone Afrikas aufzusetzen. Den ersten Titel holten die Wüstenfüchse 1990 im eigenen Land. Nun könnten sie zum ersten Mal außerhalb der eigenen Landesgrenzen triumphieren. Ausgerechnet in Ägypten. Ausgerechnet, weil für Algerien ein Sieg am Nil ein besonders süßer wäre. Die beiden nordafrikanischen Länder stehen in großer Rivalität zueinander. Diese entfachte vor zehn Jahren.
2009 kämpfen Algerien und Ägypten in einer Qualifikationsgruppe um ein WM-Ticket in Südafrika. Nur ein Team kann es schaffen, denn lediglich der Gruppenerste qualifiziert sich für die erste WM auf afrikanischem Boden. Am letzten Spieltag kommt es in Kairo zum großen Endspiel um die Qualifikation.
Algerien führt die Tabelle mit drei Punkten Vorsprung auf die Pharaonen an. Zugleich haben die „Wüstenfüchse“ ein Torverhältnis von 9:2 (+7), Ägypten eins von 7:4. Die Ägypter brauchen im heimischen Kairo also unbedingt einen Sieg mit drei Toren Differenz, um sicher nach Südafrika zu fahren. Bei einem 2:0-Sieg für Ägypten gäbe es ein Wiederholungsspiel, da beide Teams in diesem Fall die gleiche Anzahl an Punkten und die gleiche Tordifferenz hätten. Der direkte Vergleich wird von der CAF damals noch nicht bedient.
Vor dem Spiel steht Ägypten Kopf. Nachdem die Pharaonen 2006, 2008 die Afrikameisterschaft gewonnen haben, ist die Erwartungshaltung gigantisch. Man will sich endlich wieder der Welt präsentieren. Das letzte Mal war dies bei der WM 1990 der Fall. Die ägyptischen Fans bereiten sich ausgiebig auf das große Endspiel vor: Fahnenfabrikanten verkaufen mehr als 300.000 Nationalflaggen. Der Mobiltelefonnetzanbieter „Ittissalat“ stellte eine Schar klimatisierter Großraumbusse zur Verfügung, die die euphorischen Fans zum „Cairo International Stadium“ bringen sollen, das mit 80.000 Zuschauern später zum brodelnden Hexenkessel wird. Zahlreiche Medien und berühmte Persönlichkeiten beider Ländern gießen vor dem Duell noch einmal ordentlich Öl ins Feuer, obwohl das Verhältnis der beiden nordafrikanischen Staaten ohnehin nicht optimal ist. In einer algerischen Zeitung wird z.B. der ägyptische Trainer Hassan Schehata auf die Schippe genommen, indem er ihn in einem algerischen Brautkleid dargestellt wird. Eine herbe Beleidigung in der arabischen Welt. Sogar religiöse Führer melden sich auf beiden Seiten zu Wort. Bei einem Besuch der ägyptischen Nationalmannschaft in der Scharbatli-Moschee, findet Imam Chalid al Gindi klare Worte. Gott würde die Nationalmannschaft zum Sieg führen.
Die Konsequenzen lassen nicht lange auf sich warten. Nach der Ankunft der Algerier in Kairo und dem Transport zum Hotel wird der Mannschaftsbus der Wüstenfüchse mit riesigen Steinen beworfen. Fensterscheiben zerbrechen, drei Spieler, Lemmouchia, Rafik Halliche und Rafik Saifi, und ein Betreuer erleiden Verletzungen. Lemmouchia und Halliche haben eine Platzwunde am Kopf, müssen später mit einem Turban auflaufen. Rafik Saifi trägt eine Verletzung am Arm.
Aufgebracht und schockiert vom Erlebten verlieren mehrere algerische Nationalspieler nach der Ankunft am Mannschaftshotel die Fassung und spucken in Richtung der ägyptischen Fans, die sich vor dem Hotel versammelt haben. Ein aufgebrachter Saifi hält einen großen Stein vor eine Fernsehkamera und schreit empörend: „Stell dir vor, das Ding trifft dich am Kopf, stell dir das einfach mal vor, und am Ende sagt man noch, das sind unsere Brüder, was für Brüder? Das sind nicht unsere Brüder.“
Die Ägypter interessierten die Vorwürfe nur wenig. Sie beschuldigten die Algerier einer Inszenierung. Sie hätten mit den Sicherheitshammern im Bus die Scheiben selber eingeschlagen, damit die FIFA die Ägypter disqualifiziert. Am Tag darauf wird der algerische Mannschaftsbus mit einem Militärkonvoi zum Abschlusstraining begleitet, um weitere Zwischenfälle zu verhindern. Und dann bricht der 14. November 2009 an, der Tag des großen Endspiels.
Die Partie entwickelt sich zu einem wahren Krimi mit unglaublicher Spannung und einem Herzschlagfinale. Schon nach drei Minuten bringt Stürmerstar Amr Zaki Ägypten in Führung. Doch das nötige zweite Tor, um das Entscheidungsspiel zu erzwingen, lässt trotz guter Gelegenheiten auf sich warten – bis zur 95. Minute. In dieser bringt Emad Moteab eine der letzten verzweifelten Flankenversuche der „Pharaonen“ per Kopf im algerischen Tor unter. Der Treffer gleicht einer Explosion. Das Stadion bebt, Trainer Betreuer und Spieler liegen sich in den Armen, bedanken sich per Kniegebet bei Gott. Das Stadion leuchtet durch zahlreiche Fackeln rot auf. Qualifiziert ist Ägypten gleichwohl noch nicht sicher. Ein Entscheidungsspiel muss her.
Auf der Rückreise zum Hotel wird es für die geschlagenen Algerier dann erneut unschön. Wieder bewerfen ägyptische Fans den Bus mit Steinen und verhöhnen die Wüstenfüchse. Für zahlreiche Fans beider Nationen geht der Abend jedoch noch schlimmer aus. 32 algerische Fans werden mit Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Sie waren den feierwütigen Ägyptern zum Opfer gefallen. Eine fälschliche Nachricht von „Toten in Kairo“ lässt auch die Stimmung in Algier eskalieren. Dort werden ägyptische Stadtviertel und ägyptische Geschäfte von Egyptair und Orascom verwüstet und dort arbeitende Ägypter gejagt. Viele fliehen zurück in ihre Heimat. Sogar in Frankreich kommt es zu Ausschreitungen. Und das Ende ist längst nicht in Sicht, denn nur vier Tage später soll das Entscheidungsspiel ausgetragen werden. Dieses findet im Sudan, auf neutralem Boden, statt. Unglaubliche fünfzehntausend Polizeibeamte bzw. Soldaten werden vor Ort eingesetzt. Sie sorgen dafür, dass es bis auf kleinere Auseinandersetzungen im Vorfeld des Spiels dieses Mal verhältnismäßig ruhig zugeht.
Als das Spiel endlich ansteht, laufen beide Teams getrennt voneinander durch einen Soldatentunnel auf. Ein Fußballfest wird die Partie erwartungsgemäß nicht. Algerien gewinnt 1:0 durch ein Tor von Antar Yahia in der 40. Minute und bucht das Ticket für Südafrika.
Nach dem Abpfiff wird es dann wieder emotional. Dieses Mal jubeln die Algerier, weinen vor Glück und liegen besiegt von ihren eigenen Emotionen auf dem Spielfeld. Ruhe kehrt damit aber noch längst nicht ein. Die Kairoer Presse lichtet am Folgetag in den Zeitungen Bilder von verletzten Ägyptern ab, die algerischen Fans zum Opfer gefallen sein sollen. Der Konflikt erreicht sogar politische Dimensionen. Der ägyptische Botschaftler in Algier wird zurückgerufen und die algerischen Diplomaten in Ägypten zu einem ernsten Gespräch geladen. Wütende ägyptische Fans belagerten stundenlang die algerische Botschaft in Kairo, verbrennen algerische Fahnen und rufen: „Algerische Diplomaten raus aus Ägypten“. Bei Auseinandersetzungen mit der ägyptischen Polizei, die den Weg zur Botschaft versperrt, werden elf Polizisten und 24 Fans verletzt. Erst nach und nach beruhigt sich die Lage.
Zwei Monate später treffen beide Teams allerdings tatsächlich wieder aufeinander. Dieses Mal im Halbfinale des Afrika-Cups in Angola. Aufgeheizt wird die Stimmung dieses Mal nicht von den Medien sondern von den Spielern selbst. Ex-Mainzer Mohamed Zidan spricht beispielsweise von einem Spiel um „Leben und Tod“, und vergleicht die Begegnung mit einem Krieg. Da wundert es kaum, dass es auf dem grünen Rasen äußerst ruppig zugeht. Gleich drei Algerier, Halliche, Chaouchi und Belhandj, werden des Feldes verwiesen. Ägypten gelingt die Revanche. Die Pharaonen fahren einen 4:0-Kantersieg ein und holen kurz darauf den dritten Titel beim Afrika-Cup in Folge. Seitdem haben beide Länder nicht mehr gegeneinander gespielt. Und nun bekommt Algerien die Chance, sich ausgerechnet in Ägypten Afrikas Krone aufzusetzen. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was ein Triumph am Nil für die Algerier bedeuten würde.


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