Interview Olaf Jansen zum Afrika-Cup 2019:“Ein sinnloses Dribbling oder die berühmte afrikanische Blutgrätsche von hinten? Herrlich.“

Foto: Olaf Jansen

Olaf Jansen reist seit über 20 Jahren zum Afrika-Cup und hat ein Buch über die Geschichte des Kontinentalturniers geschrieben. „Der Afrika-Cup: Geschichte und Geschichten vom größten Fußballfest des afrikanischen Kontinents“ heißt es und gibt es HIER zu kaufen. Mit uns sprach Olaf über seine Erlebnisse und seine Faszination für den afrikanischen Fußball sowie den anstehenden Afrika-Cup in Ägypten.

Afrika-Cup.de: Olaf, Du hast ein Buch über den Afrika-Cup geschrieben, erkläre uns doch mal die Bedeutung des Turniers.
Olaf: Der Afrika-Cup ist die größte und bedeutendste Sportveranstaltung Afrikas. Schon kurz nach der ersten Auflage 1957 stellte sich heraus, dass der Cup nicht nur sportlich eine immense Bedeutung für die teilnehmenden Länder hat, sondern auch politisch höchst wichtig ist. Die Fans identifizieren sich derart intensiv mit ihrer Nationalmannschaft und ihrem Erfolg oder Misserfolg, dass das Resultat tatsächlich große Wirkung auf die Stimmung im Land hat. Das haben früh such die afrikanischen Staatschefs erkannt, die ihre Teams immer mal wieder instrumentalisiert haben. Man denke nur an Despot Mobutu Seso Seko in den 70ern im damaligen Zaire, der heutigen DR Kongo. Über die Erfolge des Nationalteams (Afrika-Cup-Sieger 1974) festigte er seine Macht im Staat und sorgte für Zaires Ansehen auf dem gesamten Kontinent. Als seine Mannschaft dann bei der WM 1974 versagte, hätte er am liebsten alle Spieler in den Knast gesteckt.
Und mittlerweile ist der Cup eine enorme Einnahmequelle für den afrikanischen Fußballverband CAF. Da fließen etliche Millionen durch Sponsorenverträge und TV-Einnahmen. Das ist gut für den Verband und sollte auch gut sein für die Fußball-Entwicklung auf dem Kontinent. Doch ob die Gelder dann tatsächlich auch der Basisarbeit zu Gute kommen – da kann man Zweifel haben.
Afrika-Cup.de: Du reist seit über 20 Jahren zum Afrika-Cup – an welche Momente erinnerst du dich am liebsten?
Olaf: Am schönsten sind für mich bisher immer die Erlebnisse mit den Fans auf der Straße oder in der Kneipe gewesen. 2008 in Ghana habe ich in der Hauptstadt Accra eine mehrere Tage und Nächte dauernde Party miterleben dürfen. Da wurde auf der Straße gefeiert und getanzt – Der Verkehr kam zum Erliegen. In Angola zwei Jahre später war die Polizei- und Militärpräsenz beängstigend. Bei einem Stadtbummel habe ich offenbar ein falsches Fotomotiv gewählt und schaute daraufhin in den Lauf einer MG. Ich wurde festgenommen und nur mit Hilfe eines CAF-Pressemannes wieder freigelassen.
2006 in Ägypten habe ich innerlich Spaß gehabt, als der wütende Rigobert Song aus dem Mannschaftshotel Kameruns gerast kam und alle Funktionäre seines Teams zum Teufel wünschte. Die hatten während des Trainings der Mannschaft deren Essensraum gestürmt und das komplette Büffet geplündert. Als die Spieler später hungrig kamen, war nix mehr da.
Grundsätzlich waren früher auch die Kontakte mit den Spielern schön – man konnte problemlos in den Teamhotels Kontakt aufnehmen. Da hatten wir viel Spaß miteinander. Bei den Nigerianern durfte ich 2010 sogar an einem Trainingsspielchen teilnehmen.
Und dann habe ich mir angewöhnt, ein Mountainbike mit zu den Cups zu nehmen. Damit hatte die ständige Warterrei auf Taxis, Busse und befreundete Autobesitzer ein Ende. Seither bin unabhängig und habe vor allem die Möglichkeit, mich selbstständig auch in abgelegenere Gebiete und Stadtteile zu begeben. Ein Afrika-Cup-Spiel mit Beteiligung des betreffenden Landes in einer Stadtteilkneipe zu schauen ist unschlagbar. In Gabuns Hauptstadt Libreville habe ich das ganz besonders genossen. Ich bin seither mit einer Handvoll Gabunern verbrüdert.
Afrika-Cup.de: Was reizt Dich an Afrika und am afrikanischen Fußball?
Olaf: Mich reizt ehrlich gesagt vor allem der schwarzafrikanische Fußball. Weil er die Lebenswahrheit der Menschen gut widerspiegelt: Er ist direkt, kompromisslos, mit viel Freude oder großer Tragik gespielt. Die Menschen leben ihre Gefühle hier stärker und direkter aus, genauso ist das auch auf dem Fußballfeld. Es wird nicht so viel strategisch geplant und gedacht, der Fußball ist oftmals noch spontaner als in Europa. Wobei sich das auch mittlerweile immer mehr angleicht, weil die meisten afrikanischen Spieler nun auch schon von ihren europäischen Erfahrungen geprägt sind. Aber wenn sie dann beim Afrika-Cup zusammenkommen, fallen sie erfreulicherweise immer noch oft in ihre afrikanischen Verhaltensmuster zurück. Man sieht manchmal tatsächlich erfreulicherweise noch ein sinnloses Dribbling oder die berühmte afrikanische Blutgrätsche von hinten. Herrlich.
Afrika-Cup.de: Bei der WM 2018 flogen alle fünf afrikanischen Teams in der Vorrunde raus. Überhaupt schaffte es ein afrikanisches Team noch nie ins Halbfinale. Warum sind afrikanische Nationalteams bei Weltmeisterschaften immer noch nicht in der Lage, um den Titel mitzuspielen? An Begeisterung für Fußball mangelt es ja in Afrika wahrlich nicht. Was muss geschehen, damit die Welt bald einen afrikanischen Weltmeister sieht?
Olaf: Die Welt wird sobald keinen afrikanischen Weltmeister sehen, weil so ein Titelgewinn nur klappen kann, wenn man ein solches Turnier akribisch plant, detailversessen ist und auch nach drei Wochen noch voll diszipliniert durchzieht. Genau diese drei Dinge können afrikanische Teams und deren Organisatoren nicht. Klar: Fußballerisch hätten sie es allemal drauf. Aber das reicht eben nicht. Das geht ja schon bei den Planungen der Trainingslager und Hotels los. Ein einziges Chaos. Manchmal gehen da heute noch diverse Flieger nicht, Spieler sitzen stundenlang an Flughäfen herum. Hotelzimmer können nicht belegt werden oder man muss kurzerhand ausziehen, weil nicht bezahlt wurde oder falsch geplant. So langsam werden zumindest die Prämienverhandlungen zwischen Verband und Spielern etwas professioneller geführt – das war bis vor kurzem auch immer ein Grund des frühen Scheiterns. Aber im Vergleich zu europäischen und auch südamerikanischen Teams sind die afrikanischen Verbände in Sachen Organisation noch so weit zurück, dass ein Titelgewinn in absehbarer Zeit unmöglich erscheint.
Afrika-Cup.de: Zum diesjährigen Cup. Wer sind Deine Favoriten?
Olaf: Es gibt aus meiner Sicht mindestens ein Dutzend Teams, die so ziemlich auf Augenhöhe spielen. Das hat sich in Afrika in den letzten Jahren unheimlich angeglichen. Der beste Beleg dafür war Kameruns Titelgewinn beim letzten Cup. Das war vor dem Turnier oder in der Anfangsphase der Spiele noch überhaupt nicht vorauszusehen. Die Kameruner kamen dann aber in einen Flow, wurden immer sicherer und mutiger und haben dann den Titel gewonnen, obwohl sie fußballerisch doch so einige Defizite mit sich herumgeschleppt haben. Will sagen: Von den vielen Teams, die aktuell in Frage kommen, wird sich am Ende die Mannschaft durchsetzen, die im Turnierverlauf das beste Miteinander findet. Natürlich gehören aber in Nordafrika alle nordafrikanischen Teams sicherlich zu den Standard-Favoriten.
Afrika-Cup.de: Wie schätzt Du die Neulinge Madagaskar, Mauretanien und Burundi ein?
Olaf: Auch im afrikanischen Fußball haben die Kleinen immens aufgeholt. Sie haben nahezu das gleiche Niveau erreicht wie die arrivierten Teams. Das haben auch die drei genannten Teams geschafft. Aber: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Cup-Debütanten dann doch zeitig ausscheiden, weil sie organisatorisch noch mehr Defizite mitbringen, als die anderen. Sie werden sicherlich ganz gut mitspielen, aber kaum das Viertelfinale erreichen können. Das würde mich zumindest sehr überraschen.
Afrika-Cup.de: Findest Du es gut, dass das Teilnehmerfeld von 16 Teams auf 24 Mannschaften erweitert wurde?
Olaf: Was heißt „gut“? Das ist im globalen Fußball der Lauf der Dinge. Die Verbände wollen aus dem Fußball-Geschäft so viel herausholen, wie es eben geht. Da hat der afrikanische Fußball nur nachgezogen. Natürlich wird die Aufstockung der Teams auch bei diesem Cup für eine Verringerung des Durchschnitts-Niveaus sorgen. Es werden ein paar mehr niveauärmere und vielleicht auch langweiligere Spiele mit reinen Defensivtaktiken dazukommen. Aber das kennen wir ja auch ganz gut aus Europa. Wo die letzten Kontinentalmeisterschaften im Grunde sterbens langweilig waren.
Afrika-Cup.de: Gibt es einen Spieler, der Dir besonders gut gefällt und auf dessen Auftritt Du Dich besonders freust?
Olaf: Ich habe gerade eine Geschichte über Benins Cebio Soukou geschrieben, der in Bochum geboren ist. Der ist erstmals für Benin dabei, weil sein Vater von dort stammt. Zuletzt hat er für Hansa Rostock in der Dritten Liga gespielt. Da bin ich natürlich gespannt, wie er sich so schlagen wird. Bei Namibia spielt Manni Starke mit. Der einzige Weiße im Team, er stammt von namibischen Deutschland-Einwanderern ab. Spannend wird auch zu sehen sein, ob Sadio Mané seinem senegalesischen Team diesmal weiterhelfen kann. Beim letzten Turnier war er so nervös, dass ihm fast nichts gelungen ist. Ähnliches gilt für Mo Salah, auf den in Ägypten alle schauen. Jeder Schritt von ihm wird verfolgt und beleuchtet. Der Druck auf ihn wird riesig. Kann er dem standhalten und die Erwartungen erfüllen?
Afrika-Cup.de: Alle Neutralität zur Seite gelegt. Welchem Team drückst Du die Daumen?
Olaf: Ich habe seit vielen Jahren ganz gute Beziehungen zum nigerianischen Team. Ich hätte schon Spaß, wenn sie im Endspiel auf den Senegal träfen…


Buch: „Der Afrika-Cup: Geschichte und Geschichten vom größten Fußballfest des afrikanischen Kontinents“

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